26.09.2003

Die ersten deutschen MiGs in Polen!

„ … GAF 2901 , you are cleared aerodrome of destination Bydgoszcz, flight plan enroute.... You are cleared for take off.  Good  bye!”

 In der außen- und sicherheitspolitischen Konzeption der Rzeczpospolita Polska stellt die Achse Frankreich – Deutschland – Polen einen wichtigen Ansatzpunkt dar. Das Weimarer Dreieck sowie das NATO-Programm PfP (Partnerschaft für den Frieden) gaben unserem Verband bereits in der Vergangenheit die Möglichkeit mit den polnischen Luftstreitkräften zusammen zu arbeiten. Am 26. September 2003 erhielten die militärpolitischen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen eine neue Qualität mit den bisher weitreichendsten Auswirkungen für das Jagdgeschwader 73 “Steinhoff“.

Die Außerdienststellung des Waffensystems MiG-29 ist unumgänglich und bahnt sich in vielfältiger Hinsicht an, so dass an jenem 26.09.03 die ersten fünf MiGs offiziell, im Beisein der Verteidigungsminister beider Länder und Inspekteure der Luftwaffen, feierlich im Rahmen eines Geschwaderappells übergeben wurden. Es sollte jedoch noch vier weitere Tage dauern bis die Luftfahrzeuge mit den taktischen Kennzeichen 29╬07, 29╬11, 29╬16, 29╬17 und 29╬24 zum letzten Mal die Rollfreigabe zum Start erhielten, um mit dem Einfahren der Fahrwerke heimatlichen Boden zu verlassen und dem Jagdgeschwader 73 “Steinhoff“ den Rücken zu kehren. Dieses war das erste Los von insgesamt 4 Überführungen der 23 deutschen MiG-29. Der Zielflugplatz war eine Luftwaffenwerft auf dem Flugplatz Szwederowo bei Bydgoszcz. Bydgoszcz liegt 211 nautische Meilen von Laage entfernt im Tiefland des nordöstlichen Polens. Im Osten führt die Weichsel ihr Wasser nach Norden, im Westen fließt die Netze.

Am 30. September 2003 war es dann so weit. Der Führungsbefehl des Befehlshabers Luftwaffenführungskommando hatte die Verlegung verfügt und die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Die Tage zuvor wurden seitens der Fliegenden Gruppe dazu verwandt die navigatorische Planung durchzuführen, diplomatische Freigaben für den Einflug nach Polen zu beantragen und abschließende Koordinierungen vorzunehmen. Die Technische Gruppe war damit beschäftigt die Luftfahrzeuge für ihren letzten Flug unter deutschem Hoheitsabzeichen vorzubereiten, den Rücktransport der überführenden Piloten und des deutschen Auffangkommandos zu organisieren und die Dokumentationen für die Übergabe zusammenzustellen. Eine Stellgröße entzog sich jedoch wie immer unserem Einflussbereich – das Wetter. Auf Grund der unterschiedlichen navigatorischen Ausstattung der deutschen MiG-29 im Vergleich zu den Navigationsanlagen und Anflughilfen der polnischen Luftwaffe bestand die Weisung eine Überführung nur unter visuellen meteorologischen Bedingungen (VMC) durchzuführen. Gemessen an den örtlichen Gegebenheiten in Bydgoszcz machte dies eine Hauptwolkenuntergrenze von 2.500 Fuß und 5 km Sichtweite erforderlich. Ein Tiefdruckgebiet, welches Tags zuvor in Mecklenburg-Vorpommern für sehr schlechtes Wetter gesorgt hatte, zwang uns den Start wiederholt zu verschieben. Die Zeit drängte jedoch, denn zum einen wartete der Inspekteur der polnischen Luftwaffe mit zahlreichen Pressevertretern und zum anderen wurden für die kommenden Tage noch schlechtere Wetterbedingungen vorhergesagt. Um 13:45 Uhr Ortszeit startete zu guter Letzt die Formation und nahm Kurs auf Szwederowo. Nur 35 Minuten später erfolgte der Anflug auf den Zielflugplatz. Nach der Landung rollten die Kampfflugzeuge auf eine Abstellplatte im Norden der Bahn und wurden dort mit militärischen Ehren empfangen. Neben dem Inspekteur der Luftwaffe hatten sich zahlreiche hohe Offiziere der örtlichen Division, des Flugplatzes sowie der Werft eingefunden. Verschiedene Fernsehstationen dokumentierten das Ereignis und zeigten reges Interesse an Einschätzungen der deutschen Piloten zum Waffensystem MiG-29. Die tatsächliche Übergabe jedes einzelnen Luftfahrzeuges erfolgte feierlich durch Unterschrift unter die Übergabeprotokolle an eigens dafür aufgestellten Tischen vor den Maschinen. Besiegelt wurde der offizielle Akt durch einen Sektempfang und Imbiss. Beim anschließenden Abendessen im Offizierskasino wurde die herausragende Bedeutung dieses Rüstungsprojektes für die Einsatzfähigkeit der polnischen Luftwaffe herausgestellt, bei gleichzeitiger Auslastung der Luftwaffenwerft bis ins Jahr 2015 und Sicherung von Arbeitsplätzen.

Als wir um 17:30 Uhr auf den Flugplatzbereich zurückkehrten, um mit einer Transall nach Laage zurückzufliegen, war die Platte bereits geräumt. Nichts deutete mehr auf den außerordentlichen Moment hin, der kurz zuvor dort stattgefunden hatte. Mit gemischten Gefühlen und dem plötzlichen Bewusstsein, dass das Ende der Ära MiG-29 in der deutschen Luftwaffe nun unumkehrbar begonnen hatte, bestiegen wir unsere C-160 und kehrten nun unsererseits den MiGs in Bydgoszcz den Rücken.

 von Fritschen