Final Countdown

Wie ich von der MiG Abschied nahm

Eigentlich fängt die Geschichte ja schon einen Tag früher an. Am 03.August 2004 sollten wir die restlichen 9 MiG-29 nach Bydgoszcz überführen, aber das Wetter am Platz in Polen war zu schlecht für die Verlegung. So wurde nach dem Einsatzbriefing die Entscheidung gefällt auf den nächsten Tag zu verschieben, unsere MiGs bekamen eine Schonfrist und durften noch einen Tag länger in Laage bleiben. Zeit um noch ein paar letzte Bilder zu machen.

Heute ist es nun soweit, das Wetter in Polen ist ab Nachmittag gut vorhergesagt – wir gehen! Ich darf in der letzten Formation fliegen und als letzter das Fahrwerk einfahren – das stimmt mich schon etwas nachdenklich. Ich habe in „meiner“ 29+25 unseren Fotografen Uli dabei um ein paar letzte Aufnahmen aus dem Cockpit zu machen. Einsatzbesprechung – wir planen einen Formationsstart und einen extra Überflug. Dann sollen wir von einer Rotte polnischer MiG-29 an der Grenze abgefangen und nach Bydgoszcz geleitet werden.

Anziehen, wie so oft … aber zum letzten Mal. Libelle? Helmvisier? Nein, heute wird nicht gekämpft, wir wählen die leichte Variante Fliegerkombi mit Anti-G Hose, denn warm ist es ja auch. Taxi besteigen und raus auf die Platte. Wir fahren mit den Piloten der Formation vor uns um mehr Zeit für unsere Mitflieger zu haben. Unser Befehlshaber ist im zweiten Doppelsitzer auch dabei um der Zeremonie in Polen beizuwohnen – eine sehr schöne Geste! Ich begrüße meine Warte, wie immer per Handschlag, ihnen scheint wie mir auch ein Kloß im Hals zu stecken. Während ich das Bordbuch ausfülle, steigt Uli schon einmal ein. Beim Rundgang ums Flugzeug nehme ich erst so richtig wahr, wie viele Leute auf der Platte und am Wiesenrand sind. Alle sind sie gekommen um sich zu verabschieden. Den Spotterhügel können wir nicht sehen aber ich weiß, dass viele derer, die gestern umsonst gewartet haben, heute wieder da sind.

Rundgang beendet,… ich setze mich im Schatten der Flugzeugnase auf den Boden und warte…noch 30 Minuten bis zum Losrollen. Gerade muss ich daran denken, dass ich 1996 zu meinem ersten Flug in der MiG auch hier von der Platte gestartet bin. Ob es wohl auch die 29+25 war damals, im Backseat von Mike?

Es wird laut, die ersten drei Maschinen lassen die Triebwerke an. Es sollen ca.10 Minuten zwischen den Formationen eingehalten werden. Ich schaue das Spalier der MiGs entlang und sehe wie die Luft hinter den Maschinen am anderen Ende zu flimmern beginnt. Fast wie in Deci, diese Hitze!

Ganz typisch das Anlassgeräusch unserer Triebwerke, besonders das tiefe Grollen kurz vor Erreichen der Lehrlaufdrehzahl. Hätte man mal aufnehmen müssen… Der Lärm lockt noch mehr Menschen an. In den Werkstätten legt man das Werkszeug beiseite und geht nach draußen. Aus der großen Werfthalle sehe ich auch viele herauskommen.

Es dauert eine Weile bis Tom seine Formation zum Rollen bereit hat und die Gashebel nach vorne schiebt, das Startsignal! Ich stehe auf, wie alle Umstehenden. Die 29+10 bewegt sich als erste aus der Reihe und macht links um in meine Richtung. Als würde sie die Front abnehmen, rollt sie ganz langsam an den anderen Maschinen vorbei. Ich stelle mich vor meiner Maschine auf und meine beiden Warte stellen sich ohne dass wir das besprochen haben neben mich. Die 3 MiGs rollen an uns vorbei, und wie alle anwesenden Soldaten heben wir für jede die Hand zum militärischen Gruß.

Dann wird es auch für mich Zeit einzusteigen und während ich mich anschnalle und die ersten Checks durchführe starten hinter uns die ersten Drei. Ich drehe mich um und sehe, wie es typisch für einen Freitag war, drei „high performance take-offs“. Senkrecht nach oben stechen sie in die Luft und der Donner der Triebwerke läßt Laage beben! Ich habe meinen Helm schon aufgesetzt, als sie zum letzten Formationsüberflug zurück kommen. Die bunte 29+20 rollt gerade vor meiner Nase durch als sie genau über die Platte kommen, wir haben alle die Köpfe im Nacken.

Nun ist es an der Zeit die Triebwerke anzulassen. Alte Routine, alles geht flüssig von der Hand und nach wenigen Minuten läuft die Kiste, zuverlässig wie immer! Die Unterhaltung mit Uli ist spärlich, mir ist irgendwie nicht nach viel reden und Uli ist mit filmen beschäftigt.

Nun rollen die nächsten drei. Wieder gleicht es einer Zeremonie. Die vielen Umstehenden sind an die Rollwege aufgerückt und stehen nun immer dichter um uns herum. Alle Soldaten nehmen Grundstellung ein und grüßen, viele der Zivilisten winken. Die Piloten in den Maschinen haben auch die Hand am Helm.

Check-in auf Funk. „German Air Force 2903 – check!“ „Alpha“ „Bravo“ „Charly“ – ich lasse mir einige Sekunden Zeit nachdem die Bravo vor mir durch ist und gebe Gas. Nun geht mir doch ein kleiner Schauer über den Rücken, ich fühle mich so, als würde ich für die 29+25 diese Grüße entgegennehmen. Fast alle Gesichter derer, die da stehen und grüßen kenne ich. Ein sehr emotionaler Moment! Last Chance – ein letzter Check vor dem Start wird durchgeführt. Alles o.k! Ganz zuletzt vor der Bahn steht der Kommandeur der Technik und sagt Good Bye.

Schleudersitze schärfen, letzte Handgriffe, Startfreigabe,….. nun ist die Nachdenklichkeit plötzlich weg. Kein Platz mehr für sentimentale Gefühle. Konzentration auf den Start.

Wir starten in Formation, damit Uli noch mal filmen kann. Alles geht klar und wir fahren das Fahrwerk ein. Unser Formationsführer fliegt südlich des Platzes und wir haben uns schnell formiert. Ein Überflug in normaler Formation soll es werden, entlang der Bahn. Tower will uns schon zum „final low approach“ freigeben, aber wir erklären dem Controller, dass wir noch ein zweites Mal vorbei kommen. Der letzte Überflug etwas südlich der Bahn geht fast über den Spotterhügel, das gefällt mir, und jetzt muss ich auch an die Spotter da unten denken und kann mir ein letztes, kleines Wackeln mit den Flächen nicht verkneifen. „Lebe wohl!“ sagt die MiG!

Unterwegs ist es ziemlich ruhig. Wir fliegen in enger Formation und Uli filmt viel und macht Fotos. Unser Befehlshaber steuert die Alpha und Bravo fliegt eng an ihm. Wir variieren ständig unsere Position um verschiedene Blickwinkel für unsere Aufnahmen zu haben. An der Grenze verabschieden sich die Berliner Jungs von der Radarführung auch sehr nett und es erfolgt die Funkübergabe an die polnischen Controller.

Nun dauert es gar nicht mehr lange und 2 polnische MiG-29 kurven ein. Unsere Ehreneskorte ist da. Wir geben Ihnen die Führung und Alpha und Bravo gehen in Formation zu den Polen. Wir sind wieder in freier Position und kurven um die gemischte Formation herum.

Bald sind wir in der Nähe unseres Zieles und werde an die örtliche Leitstelle übergeben. Das Wetter ist prächtig, kaum Wolken und so können wir einen schönen Überflug in Bydgoszcz machen. Unten ist großer Bahnhof. Ich erkenne die ersten sechs Maschinen aufgestellt in Reih´ und Glied auf einer Platte und viele Menschen drum herum.

Ausscheren und Auflösen der Formation. Wir müssen landen und nur Alpha mit dem Befehlshaber darf einmal durchstarten, damit wir anderen fertig stehen wenn er als letzter landet und aussteigt. Jetzt wird mir so richtig warm ums Herz. Zum letzten Mal das Fahrwerk ausfahren. Funkspruch. Große Kurve zur Landung. Touchdown. 8 erfüllte Jahre und fast 1000 Flugstunden unfallfrei – Danke MiG!

Wir haben wenig Zeit – Schirm abwerfen und schon werden wir eingewunken. Unsere Warte haben auch ganz finstere Mienen. Leistungshebel – aus. Schluss. Dach auf, schnell noch das Bordbuch ausfüllen, und raus.

Der offizielle Teil der Übergabe ist mir eher nebensächlich, wir stehen als Kulisse angetreten für die Presse, die uns fleißig ablichtet. Zweisprachige Reden werden geschwungen und Dokumente unterschrieben. Endlich vorbei. Journalisten fotografieren noch, Interviews werden gegeben, ich lehne ab. Lieber gehe ich noch mal zu unseren Jets und verteile noch ein paar „Streicheleinheiten“. Auf der Nase der 29+01 haben alle unterschrieben, das tue ich auch.

Ich will zum Ende kommen mit meiner kleinen Geschichte. Nach dem folgenden Besuch in der Werft und einem kleinen Stehimbiss im Kasino fliegen wir gegen Abend mit einer C-160 TRANSALL nach Laage zurück. Von 29+13 „Rudi“ werden wir am Flugzeug abgeholt und fahren auf einem vorbereiteten Anhänger alle zusammen zurück zur Staffel. Anschließend bleiben mit unseren Warten noch vor dem gebäude sitzen und hängen unseren Gedanken nach. Ein Klavier brennt und es wird schließlich 23 Uhr bevor wir nach hause fahren.

Wem meine Gedanken zu emotional sind, möge es mir nachsehen. Ich habe an diesem Tag viele gestandene Männer gesehen, die sich Ihrer feuchten Augen nicht schämten. Wer von einem solchen Ereignis nicht berührt wird, war nicht mit dem Herzen dabei!

Nun schauen wir nach vorne. Neue Aufgaben warten. Sicher werden wir auch unser neues Jagdflugzeug irgendwann ins Herz schließen.

Peter Steiniger