731 Reunion 2016

Eine Brücke zur aktiven Luftwaffe

Eigentlich sollte es im Jahr 2016 ja gar keine Reunion geben. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem mit der 1. Fliegenden Staffel des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 „Steinhoff“ – NATO-Bezeichnung 731. Squadron – die ehemalige MiG-29-Staffel mit dem Nachfolgemuster Eurofighter nach zwölfjährigem Dornröschenschlaf zu neuem Leben erwachte. Am 7. Juli hatte Oberstleutnant Lutz Müller, der Kommandeur Fliegende Gruppe des Geschwaders, die 731 unter Führung von Magor Johannes „Joe“ Ehlert neu in Dienst gestellt – als Einsatzstaffel, die die weiterhin mit der Schulung aller Eurofighter-Piloten der Luftwaffe betrauten 2. Fliegende Staffel ergänzt.

Das brachte Oberstleutnant a.D. Peter „Stoini“ Steiniger, einen der beiden Einsatzstabsoffiziere der FULCRUM-Traditionsstaffel, auf die Idee, doch noch eine Reunion zu organisieren – und zwar nicht nur als Zusammenkunft der ehemaligen MiG-29-Piloten, sondern als gemeinsame Indienststellungs-Party mit der neuen 731. Also eine Reunion im weiteren Sinne, eine, die eine Verbindung zwischen beiden Flieger-Generationen schafft. Steiniger fühlte vor, wie die Geschwaderführung und die Staffel zu der Idee stehen würden – und rannte offene Türen ein: Die ereignisreiche MiG-29-Zeit faszinierte die jungen Flugzeugführer, und Kommodore Oberstleutnant Gero von Fritschen war schließlich selbst einst FULCRUM-Pilot gewesen.

So versammelten sich am Freitag, 9. September, nicht nur die Aktiven der 731 mit ihren Angehörigen und Freunden im Bereich des Staffelgebäudes, sondern auch rund 20 Mitglieder der FULCRUM-Traditionsstaffel samt Anhang. Und aus dem polnischen Malbork war eine der Ex-Luftwaffen-MiG-29 nach Laage gekommen, begleitet von einer Abordnung von Piloten und Technikern der 41. Eskadra Lotnictwa Taktycznego (41. ELT). Es wurde eine grandiose Party.

„Wenn mir das einer vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich heute hier als Staffelkapitän stehe, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, begann „Joe“ Ehlert seine Begrüßung. Er präsentierte den Gästen seine Truppe und hob unter anderem besonders Hauptfeldwebel Udo Leucht hervor, der mit dafür gesorgt hatte, dass in dem komplett sanierten und umgestalteten Gebäude wieder eine Staffelbar entstanden war, die in Teilen sogar an die alte MiG-29-Bar erinnerte – immerhin war Leucht auch schon während der FULCRUM-Zeit im Gefechtsstand der 731 tätig gewesen. Tatsächlich hatte Leucht so viel an alten Beständen verbaut, dass Steiniger für die geplanten Geschenke der alten an die neue 731-Generation nur wenig Material vorfand.

Trotzdem wurde Steiniger fündig – und konnte dann doch noch eine ganze Reihe ehemaliger Utensilien aus MiG-29-Zeiten an die Eurofighter-Driver übergeben. Zum Beispiel die Ampel: „Bei uns bedeutete Grün: Flugdienst, Rot: Staffelbar geöffnet, und Gelb in Verbindung mit dem Läuten einer Kuhglocke: Angehörige der 2. Staffel im Gebäude“, erläuterte er, als die einzelnen Stücke vorgestellt wurden. Wie etwa die alte Tafel mit den „Regeln zur Pflege der Kameradschaft und des Guten Geistes“. Oder die als alkoholischer Spender an einem Brett befestigte „Black Bottle“, bei der die Menge des Inhalts nicht erkennbar ist und derjenige eine neue Flasche kaufen muss, der nichts mehr heraus bekommt. Oder die alte Pinwand des Flugsicherheitsoffiziers mit der handgemalten MiG-29 darauf, die für die Übergabe mit dem neuen Staffelwappen und einem dazugemalten Eurofighter hinter der FULCRUM „gepimpt“ wurde, wie Steiniger sich ausdrückte: „Das kann  jetzt ein Engagement werden – oder aber auch ein Rejoin, denn es ist ja eine deutsche MiG.“ Oder auch das Hauptgeschenk, eine alte MiG-21-Frontscheibe mit den als Inschrift festgehaltenen Wünschen der alten für die neuen Piloten der 731, die da wären: Fliegerglück, Zusammenhalt, Kameradschaft und Freundschaft. Kommodore von Fritschen war es vorbehalten, dieses Stück zu präsentieren, das im Anschluss vom Kapitän der FULCRUM-Traditionsstaffel, Generalleutnant a.D. Jürgen Höche, feierlich an Major Ehlert übergeben wurde.

Der Augenblick mit der höchsten Symbolkraft aber war die Übergabe der MiG-Modelle an die jungen Flugzeugführer. „Für jeden wurde ein Holzmodell mit Namen und dem Emblem der alten 731 gefertigt“, erzählt Steiniger. Und sie wurden nicht en bloc übergeben, sondern jeweils von einem MiG- an einen Eurofighter-Piloten. Ein Volltreffer: „Danach haben mir einige der Beschenkten erzählt, dass sie bei der Übergabe einen erhöhten Pulsschlag hatten – sehr sympathisch.“

Höche bedankte sich in seiner Ansprache für die Einladung und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Eurofighter-Staffel die FULCRUM-Traditionsstaffel auch in Zukunft mittragen werde. „Denn mit der Verbindung zur neuen 731 haben wir Ehemaligen eine Brücke zur aktiven Luftwaffe bekommen.“ Er habe sich in der alten 731 jedenfalls immer wohl gefühlt. „Und jetzt ein Horrido auf die neue!“

Auch die polnische Abordnung zeigte sich sichtlich erfreut, bei der Zeremonie dabei sein zu können. „Wir haben eine Menge von Euch gelernt“, sagte der Kommandoführer aus Malbork, als er Staffelkapitän Ehlert das gerahmte Bild einer – jetzt – polnischen MiG übergab.

Damit war der offizielle Teil beendet, und die Party nahm ihren Lauf, natürlich bis in die frühen Morgenstunden. Kurz vor Mitternacht wurde auch das obligatorische Klavier „zum Opfer“ nach draußen getragen. Das an der Vorderseite befestigte Schild mit der Aufschrift „Do not use as firewood“ wurde zur Makulatur, als das Instrument an der Rückseite fachmännisch in Brand gesetzt wurde. Andächtig umstanden Aktive, Ehemalige und Gäste das lodernde Feuer. Und die Polen guckten staunend zu: „Diese Tradition kennen wir nicht!“ Ob sie übernommen wird? Das wird die Zukunft zeigen.

Bilder für Staffelmitglieder

Stefan Petersen